Das Große Holländische Haus in der Lindenstraße

Erbaut als Ausdruck militärischer Größe und königlicher Macht, erinnert es heute an politische Verfolgung und die Friedliche Revolution.

Lindenstraße 54/55, 1912 │ Foto: Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum

Nur die Gitter am Haus lassen erahnen: Hier steht kein normales Wohnhaus. Tatsächlich wurde das Gebäude in der Lindenstraße 54 von 1733 bis 1737 zunächst als Stadtpalais mit Diensträumen für den Kommandanten der königlichen Leibgarde gebaut. Friedrich Wilhelm I. hatte Potsdam bei seinem Amtsantritt 1713 zur Garnisonstadt erklärt. Um sein Regiment hierher zu verlegen, ließ der „Soldatenkönig“ die Stadt zweimal erweitern. Die Zahl der Einwohner:innen stieg zwischen 1713 und 1740 von etwa 1.500 auf 11.708, die Anzahl der Häuser von 199 auf 1.154. 

Friedrich Wilhelm I. entschied sich für die klare Ziegelsteinarchitektur der Niederlande. Daher erhielt das Kommandantenhaus auch den Beinamen „Großes Holländisches Haus“. Der König liebte das Land seiner Großmutter und hatte es selbst mehrfach bereist. Der Maurermeister kam ebenfalls von dort. Der König warb auch für andere Bauvorhaben niederländische Handwerker an. Für sie ließ er ab 1733 das Holländische Viertel in Potsdam errichten. Während der französischen Besetzung von 1806 bis 1808 nutzten napoleonische Truppen Haus und Hof als Kleidermagazin und Pferdelazarett. Danach traf sich hier 1809 die erste gewählte Stadtverordnetenversammlung Potsdams.  

170 Jahre Gerichts- und Haftort 

1817 zog das städtische Parlament in das Rathaus am Alten Markt. Das dort angesiedelte Stadtgericht mit Gefängnis wechselte 1820 in die Lindenstraße 54. Durch die Erweiterung des Gerichtsbezirkes Potsdam Mitte des 19. Jahrhunderts musste auch das Große Holländische Haus vergrößert werden. Dafür wurde das Grundstück Lindenstraße 55 hinzugekauft, neu bebaut und die Fassade beider Häuser im holländischen Stil angeglichen. Künftig tagten hier, je nach Justizreform, Amtsgericht, Landgericht oder Kreisgericht. Im Hinterhof befanden sich die Zellengebäude.  

Die heutige Struktur des Hofes entstand zwischen 1907 und 1910. Der Strafvollzug wurde modernisiert, das Gefängnis mit mehr Einzel- als Gemeinschaftszellen ausgestattet. Rund 90 Inhaftierte fanden nun Platz, getrennt nach Geschlechtern mit zwei separaten Höfen, einer Gefängniskapelle, Wirtschaftsgebäuden und einem Beamtenwohnhaus. 

Fluggerät für eine geplante Flucht auf dem Hof des Gefängnisses, 1987 │ Foto: Bundesarchiv

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten entwickelte sich die Lindenstraße 54/55 zu einem Ort ideologisierter und rassistischer Strafjustiz. Neben Untersuchungsgefangenen des Amts- und Landgerichts sowie verurteilten Strafgefangenen waren hier tatsächliche und vermeintliche Gegner:innen des Regimes, jüdische Menschen und nach 1939 mehrere Hundert Zwangsarbeiter:innen aus rund 23 Nationen, darunter etwa 40 aus den Niederlanden, inhaftiert. Das Gefängnis diente zudem als Untersuchungshaftanstalt für Angeklagte des Volksgerichtshofs, der für politische Delikte zuständig war. Dieser tagte von 1943 bis 1945 auch in Potsdam und fällte mindestens 55 Todesurteile. Ein 1934 im Haus eingerichtetes Erbgesundheitsgericht ordnete im Verlauf von zehn Jahren auf der Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ die Zwangssterilisation von mehr als 3.300 Menschen an. 

Die Rote Armee befreite 1945 die Häftlinge aus der Lindenstraße. Im Sommer des Jahres beschlagnahmte der sowjetische Geheimdienst das Gebäude und richtete hier das zentrale Untersuchungsgefängnis für das Land Brandenburg ein. Ein hoher Bretterzaun schirmte das Haus ab. Verfolgt und inhaftiert wurden Männer, Frauen und Jugendliche als Nationalsozialist:innen, Kriegsverbrecher:innen, Vaterlandsverräter:innen, Profiteur:innen sowie vermeintliche und tatsächliche Gegner:innen der sowjetischen Besatzungsmacht aus Deutschland und anderen Ländern. Sie lebten unter unmenschlichen Bedingungen und wurden in rechtswidrigen Prozessen zu harten Strafen verurteilt. Im großen Saal im Erdgeschoss tagte ein Sowjetisches Militärtribunal, das mehr als 120 Todesurteile aussprach. 

1952 übernahm der ostdeutsche Geheimdienst das Haus als Untersuchungsgefängnis des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS/Stasi) im Bezirk Potsdam. Der Sicherheitskreis wurde durch die Beschlagnahmung der Gebäude Lindenstraße 53 und 56 vergrößert, die Fenster im Vorderhaus vergittert. Statt des Zauns wiesen fortan Schilder darauf hin, die Straßenseite zu wechseln. Später überwachte eine Videokamera den Gehweg. Auf dem Hof ließ die Stasi fünf gemauerte Freigangzellen errichten, die über einen Laufsteg von oben kontrolliert werden konnten. Fast 7.000 Menschen, darunter etwa 1.000 Frauen, waren bis 1989 im „Lindenhotel“ inhaftiert, wie der Volksmund das Haus in Anlehnung an den Straßennamen zynisch nannte. Ihnen wurde vorgeworfen, Gegner:innen des Staates zu sein. Auch Frauen und Männer saßen hier, die nach dem Mauerbau am 13. August 1961 vergeblich versucht hatten, aus der DDR zu flüchten oder aufgrund eines Ausreiseantrages kriminalisiert wurden. 

Tag der offenen Tür im „Haus der Demokratie“, 1990 │ Foto: Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße, Bernd Blumrich
 

Haus der Demokratie und Gedenkstätte 

Im Zuge der Friedlichen Revolution und der DDR-weiten Besetzungen von Stasi-Objekten im Dezember 1989 räumte der Geheimdienst das Gefängnis. Die politischen Gefangenen waren bereits dank der Amnestie vom 27. Oktober freigelassen worden. In die Verhörräume im Vorderhaus zogen nun Bürgerrechtsgruppen wie Neues Forum, Demokratie Jetzt, Demokratischer Aufbruch und die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen sowie die neu gegründete SPD. Später nutzte der Denkmalschutz das Haus. Mit viel Engagement konnte der Haft- und Gerichtskomplex als Erinnerungsort erhalten und seit 1995 über mehrere Etappen zu einer Gedenk- und Bildungsstätte ausgestaltet werden. 

– Jeanette Toussaint 

Titelbild: Großes Holländisches Haus │ Foto: Gedenkstätte Lindenstraße, Potsdam